Mit dem Filmemacher Wisam Zureik (www.wisam-zureik.com ) entstand ein Dokumentarfilm mit dem ursprünglichen Arbeitstitel „die verlorenen Frauen Syriens“.

Die Idee entstand im Laufe meiner Arbeit in der Flüchtlingshilfe Borchen mit Flüchtlingen aus Syrien, die ihre Flucht nach Deutschland überlebten.

Die Beiden sind jedoch nur zur Hälfte in Deutschland. Die andere Hälfte (Frau und Mutter) lebt im sehr gefahrvollen Syrien. Die Situation für die Frauen und die zurückgebliebenen Familien in Syrien wird von Tag zu Tag bedrohlicher.

Alleine

Lazgen, der Kurde, der Gefolterte, der Humanist.

Lazgen H. war in ständiger Sorge um seine Frau. Im Frühjahr bis Sommer 2015 wurde die Gegend um die Stadt Al Hasaka im Norden von Syrien – in der Lazgens Frau lebte - besonders umkämpft. Wie oft haben wir miteinander gebangt, wie oft hatte Lazgen Angst durch diese fassbare Gefahrensituation seiner Frau. Die Verbindung zueinander funktionierte mit Whatsapp nur leidlich. Salma floh von Al Hasaka nach Qamischli, von Quamischli sogar in den Sudan und wieder zurück. Immer wieder musste Lazgen sich fragen, wo seine Frau gerade ist. Ab Mai 2015 hatten wir in intensiver Zusammenarbeit mit den Behörden und Organisationen, darunter das Ausländeramt, das Auswärtige Amt in Berlin, Micado von Caritas, Flüchtlingshilfe Borchen, Flüchtlingsrat Paderborn,… darum gekämpft, dass Selma F. nach Deutschland kommen konnte. Es ging furchtbar schleppend und beruhigte Lazgen und Salma so gar nicht.

Odyssee zu den richtigen Dokumenten

Die Papiere, die für eine Einreiseerlaubnis nach Deutschland so wichtig waren, irrten zwischen dem Rechtsanwalt aus Al Hasaka, der dann auch noch auf der Flucht war, und Damaskus in irgendwelchen Flugzeugen durch die Gegend. Die Dokumente (Pass, Familienbuch, Urkunden zur Hochzeit, ….) mussten unbedingt im Original an die deutsche Botschaft in Beirut gesendet werden. Gott-sei-Dank hatte Salma zur Sicherheit Fotografien auf Whatsapp gespeichert.

Üblicherweise werden für den Erstantrag eines Visums nach Deutschland nur Online-Termine der deutschen Botschaft akzeptiert. Wer schon einmal versucht hat, darüber einen Termin zu bekommen, der beißt sich hier die Zähne aus.

Nach der Aufdeckung von korrupten Beamten in der deutschen Botschaft durch das Monitor-Nachrichtenmagazin und meinem verzweifelten Mail an die Botschaft sowie das Ausländeramt war endlich Bewegung in die Sache gebracht. Hier das Mail:

„Sehr geehrter Herr Blume,

nun muss ich noch einmal bei Ihnen wegen Herr Hasano vorstellig werden. Da wir uns sehr große Sorgen um seine Ehefrau machen, bin ich laufend am Recherchieren. Heute bin ich über die Facebook-Seite von der Botschaft auf folgenden Bericht gestoßen

http://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/monitor/videosextern/botschaftstermine-gegen-bares-geschaeftemacherei-mit-syrischen-fluechtlingen-100.html

Wie Sie wissen haben Herr H. und seine Ehefrau Salma F. gewissenhaft alle Dokumente zur Terminvergabe an der deutschen Botschaft Beirut zusammengestellt und mit der Bitte um Vergabe eines Termins ein Email an die Botschaft gesendet.

Die Onlinevergabe eines Termins über die Botschaft ist aussichtslos und auf eine Beantwortung des Emails auf Terminvergabe wartet die Familie Hasano nun seit dem 18.6. Herr H. hat mir schon vor längerer Zeit berichtet, dass ein Flüchtling nur dann Chancen hat, seine Familie/ Ehefrau nach Deutschland zu bringen, wenn er das nötige Kleingeld für das Prozedere hat. So soll ein Termin nur vergeben werden, wenn der Flüchtling und seine Ehefrau bereit sind, dafür 300€ zu zahlen. Wenn dem so ist, wundert mich es gar nicht, wenn Herr Hasano auf dem legalen Weg nichts erreichen kann und wir uns hier in Paderborn laufend bei Ihnen vorstellig werden. Wie kann den – um Himmels Willen – einem Flüchtling geholfen werden, der nicht das nötige Kleingeld zur Verfügung hat. Leider hört man ja immer wieder, dass auf Kosten von leidenden Menschen Geld verdient wird.

Mit freundlichen Grüßen“

Diese Email schrieb ich am 25.6.2015 an die Ausländerbehörde, nachdem ich den Monitor–Beitrag sah, den ich übrigens auf www.beirut.diplo.de fand. Ja, es ist wahr und tatsächlich so gewesen.

Am 2.7. hatte das Ausländeramt in Paderborn seine bedingungslose Vorabzustimmung gegeben. Hurra, das bedeutete, dass das Prozedere in der Botschaft in Beirut auf Deutschland übertragen wurde. Lazgen musste zwar innerhalb von ein paar Tagen die – aus Whatsapp gedruckten Dokumente – von einem zertifizierten Dolmetscher übersetzen lassen – dann waren es nur noch wenige Tage, bis Salma einen Termin von der Botschaft bekommen hatte.

Der Wehrmutstropfen und für uns nicht fassbar: der Termin war für Oktober vereinbart. Nochmal 3 Monate im Ungewissen, die kriegerischen Handlungen wurden verschärft, Salma ging erst einmal wieder in den Sudan und kurz vor dem Termin in Beirut nach Qamischli zurück. Die Nachrichten kamen noch spärlicher. Mich trieb die Sorge um, dass Salma in den letzten Monaten noch etwas passieren könnte. Lazgen zog sich auch wieder mehr und mehr in sich zurück.

Das Visum

Im Oktober war es dann für den ersten Termin bei der Botschaft soweit. Salma ging in Begleitung ihres Schwagers nach Damaskus und dann über die libanesische Grenze an die Botschaft in Beirut. Gott-sei-Dank war dieser Termin schnell abgehandelt, der Fingerprint gemacht, die Dokumente eingesammelt und dann:

Wieder warten!

Wir rätselten, wie lange es wohl dauern würde, bis das Visum und der Pass fertig sind. Nach Erfahrung anderer syrischer Ausreisewilliger sollte es sich um eine ca. vier wöchige Wartezeit handeln.

Liebe Güte, das wird ja November. Da Selma die Vorabzustimmung hatte klingelte Salmas Handy bereits nach einer Woche. Salma konnte nur verstehen, dass die Botschaft in Beirut anrief, dann war die Verbindung – mal wieder – weg. Lazgen und ich konzentrierten unsere Aktion nur noch auf die Erreichbarkeit der Botschaft, um zu erfahren, was denn los sei. Das war gar nicht einfach, denn auch wir hatten erhebliche Probleme die Botschaft zu erreichen. Nach vielen telefonischen Misserfolgen endlich das Ergebnis: Das Visum war fertig.

Lazgen freute sich so sehr, bald seine Ehefrau zu sehen, aber die nächsten Probleme bahnten sich bereits an:

Selma fand keine Begleitung nach Damaskus und Beirut. In Kriegsgebieten und dann noch durch die IS bedroht, konnte eine Frau nie und nimmer alleine reisen und es war kein Geld mehr da. Familie und Freunde hatten schon das Mögliche gegeben. Salma verkaufte ihre Aussteuer, das für eine muslimische Frau das Furchtbarste überhaupt ist, denn dieser Schmuck ist eine Sicherheit für die Frau. Das Geld für eine weitere Reise durch Syrien und den Flug fehlte. Nur durch die bereitwillige Hilfe von meiner Familie und Freunden und der Kirchen in Borchen, schafften wir ein Flugticket für Selma zu kaufen.

Wir benötigen Hilfe

Das können wir aber nicht zwei- oder  dreimal leisten.

Darum nun der Film, denn es geht hier nicht um ein einzelnes Schicksal sondern um Menschen, die ihre andere Hälfte nachholen wollen, um sich hier in Deutschland ein Leben aufbauen zu können.

 

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